Axel Ruoff

Apatit

Roman

Foto: Johannes Schwartz (http://johannesschwartz.com/)

Aufgenommen in die Shortlist für den Rauriser Literaturpreis 2016

Apatit, von altgriech. apatan, "täuschen, trügen". Nicht näher bestimmte Mineraliengruppe der Klasse der Phosphate. Ermöglicht dem Organismus Wachstum, bringt jedoch im Übermaß jede Entwicklung zum Stillstand.

Staub geht ununterbrochen auf das wüste, kolonial zerwühlte Land nieder, in das eine Frau und ein Mann nach dem fluchtartigen Verlassen des europäischen Kontinents geraten sind. In der unberechenbaren Natur, in der die Koordinaten von Zeit, Raum und Identität aufgehoben scheinen, wird die Hoffnung der Reisenden fragwürdig, sich hier aus den Zwängen ihrer Herkunft, den Beschränkungen ihrer Kultur zu befreien. Vorfälle in dem einzigen, versandenden Hotel des Ortes bleiben undurchschaubar, alles täuscht vor, etwas anderes zu sein, als es ist. Die Reisenden, die dem trügerischen, unwirtlichen Landstrich immer mehr verfallen, überlassen sich Phantasien, Erinnerungen und eigenwilligen Gewohnheiten. Und doch folgt das Unvorhergesehene und Unzumutbare ihrer Irrfahrt der Spur der Vergangenheit, der sie zu entkommen suchen …

ISBN: 978-3-99028-418-6

344 S.

Verlag Bibliothek der Provinz

http://www.bibliothekderprovinz.at/buch/6922/

Rezensionen

Anke Bennholdt-Thomsen

Dieser Roman ist ein sprachliches Ereignis

Ein Mann aus Europa (R.) und eine Frau aus Ostasien (S.) haben den europäischen Kontinent verlassen und sind an einem unwirtlichen, steinigen und dunstigen Ort gelandet, einer militärischen Sperrzone (vermutlich Marokko). Das ganze Terrain ist von politischer Vergangenheit geprägt, von zwei Besatzungen nacheinander mit ihren militärischen und zivilen Bauten. In ihm werden Phosphatvorkommen, vor allem Apatit abgebaut. Dieses Mineral, dessen Name vom griechischen Wort für ‚täuschen‘ abgeleitet ist, verweist auf die Erfahrung der beiden Ausländer, deren Wahrnehmungen nicht nur auf fremde, sondern zugleich verwechselbare Wirklichkeiten treffen. So sind sie etwa hartnäckig dem möglichen Befund auf der Spur, daß das Hotel, in dem sie bleiben, ein Krankenhaus war und ist. Als Gesprächspartner kommen nur ein forschender Apotheker, ein origineller Lokalbesitzer mit seinen Brüdern, seine regelmäßigen Kunden sowie ein Hotelportier in Frage, dessen Augen für S. die eigene Vergangenheit heraufbeschwören. Ein strukturierender Faktor des Romans ist nämlich die Erinnerung der weiblichen Hauptfigur, die mit ihrem Herkunftsland, das ebenfalls von Besatzern geprägt war, gebrochen hat und von ihrer Zukunft, auch mit R., Abstand nimmt. Sie erscheint am Ende als Opfer der lähmenden Wirkung des Phosphatstaubs, der von der nahegelegenen Mine herüber weht, was ihre ohnehin latente Tendenz zur Versteinerung, von der die Rede war, praktisch umsetzt – eine Verwandlung, die Wandelbarkeit nicht ausschließt.

Die Handlungsskizze sollte demonstrieren, daß es sich hier um keinen biographischen oder autobiographischen, keinen historischen oder dokumentarischen Roman handelt, wie sie heute an der Tagesordnung sind. Als literarisches Modell käme die Parabel in Frage, der Roman weist aber, wie bei Kafka und Ransmayr, keine Lehre auf. Die Bedeutung des Textes besteht denn auch nicht im Epischen, sondern auf der Umsetzung von extremer Erfahrung und Erinnerung in Sprache: Zum Einen im Sezieren der menschlichen Wahrnehmungs- und Resonanzvermögen: Sehen, Hören, Sprechen, Tasten, Schmecken; kunstvoll wird deren Irritation in der Einöde wiedergegeben und geltend gemacht. Zum Anderen liegt der Schwerpunkt der sprachlichen Leistung in den unaufhörlichen Perioden, die strenger Ausdruck auktorialer Perspektive sind – Dialoge gibt es nicht, obwohl das Gespräch die Beziehung des Paares konstituiert –, unterbrochen nur von der indirekten Rede des Apothekers und der Kunden. Der Text hat gleichwohl den Gestus einer mühsamen Mündlichkeit, die der Darstellung des äußeren und ‚inneren Auslands‘ dienen soll, das mit den langatmigen Sätzen allererst zu erobern ist. Die Leistung wird dadurch erhöht, daß der Autor versucht, Simultanität der drei Zeitebenen einzufangen, was bekanntlich sprachlich nicht möglich ist. Dafür kommt ihm, paradoxer Weise, seine filmische Erfahrung zu Hilfe, wenn eine kaleidoskopartige Wirkung vom Wirklichen abstrahierter Linien und „Arabesken“ die Zeitdifferenz überspielen soll. Sprache wird auch thematisch, insofern das Paar sich über die unterschiedlichen Verfahrensweisen seiner Herkunftssprachen auseinandersetzt (vgl. das meisterliche Kapitel „Fremdsprache (1)“ über die persönlichen Fürwörter – ein Lehrstück für den interkulturellen Dialog).

In: PARK, Zeitschrift für Neue Literatur, Hg. von Michael Speier, Heft 68, Berlin, Dezember 2015

Rezensionen

Uwe Schütte

Feinstaub

Ein Mann und eine Frau, in einem unbestimmbaren Wüstenland. Es ist unklar, warum es sie dorthin verschlagen hat. Der gelungene Debütroman von Axel Ruoff lässt den Leser in beständiger Unsicherheit, was in "Apatit" überhaupt passiert. An die Stelle einer Handlung tritt zunehmend das Agieren der lebensfeindlichen Landschaft, die mit den dort lebenden Menschen ihren Prozess macht. Der Ausgang: stets negativ für die Betroffenen. An die Stelle eines konventionell-realistischen Erzählens setzt der 1971 in München geborene Autor eine Öffnung in naturgeschichtliche Dimensionen und ein literarisches Überschreiten der Grenze zwischen Organischem und Anorganischem.

Mit Sprachgewalt und Stilgefühl erforscht sein bemerkenswerter Text etwa ein Thema wie das geheime Leben der Steine und verschränkt dabei politische Gegenwart mit Naturphilosophie, das individuelle Leben seiner Figuren mit dem Schicksal der menschlichen Spezies.

Durchwirkt wird Axel Ruoffs fesselnder Roman vom Staub, der - trotz aller Versuche, ihn fernzuhalten - so unaufhaltsam überall eindringt, wie diese evokative Prosa in das Bewusstsein der Leser.

In: Wiener Zeitung, 2./3. Jänner 2016 (http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/buecher_aktuell/793371_Feinstaub.html)

Rezensionen

Anton Distelberger

Der ruhigen Kraft dieser Sätze vertraut sich der Leser gerne an und lässt sich von ihnen in ein westafrikanisches Land entführen, dessen Namen niemals fällt, obwohl sich darin durchaus das von Marokko widerrechtlich besetzt gehaltene Westsahara erkennen ließe. Der Verzicht auf die Benennung des Schauplatzes sowie auf jedes Lokalkolorit lässt den Hintergrund, vor dem sich die beiden Protagonisten bewegen, seltsam zeitlos und unwirklich geraten, wie ihnen der Erzähler auch bloß ihre Initialen zugesteht. Der landschaftliche Hintergrund nimmt weiter überhand, je mehr wir über die Herkunft und Vergangenheit des Paares erfahren, das Europa hinter sich gelassen hat.

Einerseits kämpfen sie gegen atmosphärisches Unbill an, trotzen einer übermächtigen Insektenwelt und verfluchen den allgegenwärtigen Sand, andererseits sehen sie sich immer weniger imstande, diesen einzigen festgefügten Ort zu verlassen, an dem sie sich noch stärker in ihre Ängste und Vorstellungen verstricken und damit zu Gefangenen mutieren. Die Flucht aus einer ausweglos erscheinenden Situation, der sich das Paar durch die freiwillige und selbstgewählte Isolation an diesem unwirtlichen Platz selbst ausgeliefert hat, gelingt der Frau durch eine spektakuläre Transformation. Damit entzieht sie sich aller Nachstellungen und Zumutungen.

Absichtsvoll entkleidet der Autor seine Geschichte jener Details, die ein exotisches Flair erzeugen könnten, und verstärkt damit das Unheimliche, Fremdartige der Situation. Als wahrhaft gefährlich stellen sich nicht die widrigen Umweltbedingungen heraus, sondern die Abgründe der eigenen Seele, das Grauen, das in uns wohnt.

Sigmund Freud erzählt in seinem Essay „Das Unheimliche“ (1919) davon, wie er selbst sich einmal auf ähnliche Weise in einer bedrängenden und albtraumhaften Situation gefangen sah: „Als ich einst an einem heißen Sommernachmittag die mir unbekannten, menschenleeren Straßen einer italienischen Kleinstadt durchstreifte, geriet ich in eine Gegend, über deren Charakter ich nicht lange in Zweifel bleiben konnte. Es waren nur geschminkte Frauen an den Fenstern der kleinen Häuser zu sehen, und ich beeilte mich, die enge Straße durch die nächste Einbiegung zu verlassen. Aber nachdem ich eine Weile führerlos herumgewandert war, fand ich mich plötzlich in derselben Straße wieder, in der ich nun Aufsehen zu erregen begann, und meine eilige Entfernung hatte nur die Folge, daß ich auf einem neuen Umwege zum drittenmal dahingeriet. Dann aber erfaßte mich ein Gefühl, das ich nur als unheimlich bezeichnen kann, und ich war froh, als ich unter Verzicht auf weitere Entdeckungsreisen auf die kürzlich von mir verlassene Piazza zurückfand.“ Freud leitet daraus den Schluss ab: „Dieses Unheimliche ist aber der Eingang zur alten Heimat des Menschenkindes, zur Örtlichkeit, in der jeder einmal und zuerst geweilt hat.“

Ruoff, dessen Buch es auf die Shortlist zum Preis der Rauriser Literaturtage 2016 geschafft hat, ist ein radikaler Erzähler, der seine Figuren in immer groteskere Abhängigkeiten manövriert, die Geschichte konsequent vorwärts treibt und unerschrocken bis zu ihrem dramatischen Ende forterzählt.

Anton Distelberger (http://www.bibliothekderprovinz.at/autor/toni-distelberger/)